Die drei Ansätze der Marktbeobachtung im Vergleich

Von Dr. Karsten Richter | Letzte Aktualisierung:

Kurz gesagt

Es gibt drei Wege, einen Markt zu beobachten, und sie unterscheiden sich darin, wonach sie filtern: Topic-First filtert nach Thema, Source-First nach Absender, Platform-First nach Ort. Jeder ist eng – nur an einer anderen Stelle. Keiner sieht alles.

Die Entscheidung, die vor allen anderen kommt

Wer ein Werkzeug zur Marktbeobachtung auswählt, vergleicht meist Funktionen und Preise. Die Entscheidung, die den Nutzen tatsächlich bestimmt, fällt aber früher – und wird selten bewusst getroffen: Wonach wird gefiltert?

Diese Wahl entscheidet, was ihr systematisch nie zu sehen bekommt. Kein Funktionsumfang gleicht das später aus, weil die Lücke nicht im Werkzeug steckt, sondern in der Logik davor.

Drei Filter-Logiken haben sich durchgesetzt. Sie schließen einander nicht aus, und keine ist der anderen überlegen. Sie beantworten verschiedene Fragen.

Die Landkarte

Vergleich dreier Beobachtungsansätze: Topic-First sucht, wo ein Thema auftaucht, und liefert Erwähnungen. Source-First verfolgt gewählte Quellen und liefert Originalaussagen. Platform-First wertet einen Ort aus und liefert die Spuren, die dort anfallen — fremde wie eigene. Jeder Weg ist eng — nur an einer anderen Stelle; keiner sieht alles.
Topic-First Source-First Platform-First
Frage Was? Wer? Wo?
Filtert nach Thema Absender Ort
Kernfrage „Wo taucht mein Thema auf?“ „Was sagen die, auf die es ankommt?“ „Was passiert an diesem Ort?“
Art der Wahrheit Erwähnung Originalaussage Eintrag auf der Plattform
Auswahl offen eng offen: wer dort einträgt
Themenraum geschlossen offen geschlossen
Typischer Ort Suchindex, Erwähnungs-Feeds Kanäle der Quelle Stellenportale, Ausschreibungsportale, Register
Die Pointe Offen in der Auswahl, eng im Thema. Eng in der Auswahl, offen im Thema. Eng im Ort, festgelegt im Datentyp.

Keiner der drei Wege sieht alles. Die Frage ist nicht, welcher der beste ist, sondern welche Lücke ihr euch leisten könnt.

Topic-First: nach Thema filtern

Ihr legt Begriffe fest, das Werkzeug meldet Fundstellen – Keyword- und Erwähnungs-Monitoring ist die verbreitetste Umsetzung. Der Filter steht auf dem Thema, die Absender ergeben sich.

Die echte Stärke: Topic-First findet Absender, die ihr nicht kennt. Ein Anbieter, der seit sechs Wochen existiert und euer Vokabular besetzt, taucht hier auf, lange bevor ihn jemand in eine Quellenliste einträgt.

Die Grenze: Was eure Suchbegriffe nicht abdecken, existiert nicht. Und jeder Treffer muss erst eingeordnet werden, weil unklar ist, wer da spricht und ob es zählt.

Ausführlich: Source-First vs. Topic-First.

Source-First: nach Absender filtern

Ihr legt die Quellen fest – Wettbewerber, Meinungsführer, Partner – und bekommt alles, was diese über ihre eigenen Kanäle veröffentlichen. Der Filter steht auf dem Absender, das Thema bleibt offen.

Die echte Stärke: Ihr erfahrt auch das, wonach ihr nie gesucht hättet. Ein Positionswechsel kündigt sich selten mit den Begriffen an, die bisher in eurer Liste standen – sondern damit, dass jemand anfängt, anders zu reden. Ich sehe genau dieses Muster in Gesprächen mit CMOs immer wieder: Die Quellenliste ist einmal beim Setup entstanden und wurde seither nicht mehr angefasst, obwohl sich der Markt längst weiterbewegt hat.

Die Grenze: Blindheit für alle, die nicht auf der Liste stehen. Das Ergebnis ist nur so gut wie die Quellenauswahl – und eine veraltete Liste liefert ein sehr aufgeräumtes, falsches Bild, was schlimmer ist als offensichtliches Rauschen.

Picasi arbeitet so: Was ist Source-First Intelligence?

Platform-First: nach Ort filtern

Ihr legt eine Plattform fest und verfolgt alle neuen Einträge einer Art, meist gefiltert nach festen Feldern wie Region, Branche oder Kategorie statt nach Stichworten. Eine Plattform ist ein Ort, an dem viele Absender Einträge derselben Art veröffentlichen und den ein Dritter betreibt: ein Stellenportal, das EU-Ausschreibungsportal TED, ein Handels- oder Patentregister, ein Marktplatz. Die Unternehmensseite eines Wettbewerbers auf LinkedIn ist dagegen ein Kanal dieser Quelle; LinkedIn als Ganzes ist eine Plattform.

Die echte Stärke: Vollständigkeit innerhalb der Plattform, auch bei Absendern, die ihr noch nicht kennt. Ein angenommenes Beispiel: Ein Personalvermittler beobachtet Stellenportale, um zu sehen, welche Unternehmen gerade suchen. Eine Quellenliste zeigt ihm nur die Unternehmen, die schon darauf stehen. Auf TED (Tenders Electronic Daily) erscheinen laut Betreiber an jedem Werktag über 3 000 Bekanntmachungen öffentlicher Aufträge, durchsuchbar nach Land, Region und Branche.

Die Grenze: Eine Plattform zeigt Einträge, nicht den ganzen Markt. Eurostat hält fest, dass Online-Stellenanzeigen nach Branchen und Berufen verzerrt sind und dieselbe Anzeige mehrfach gezählt werden kann, wenn sie auf mehreren Portalen steht. Und warum ein Unternehmen sucht, steht nicht im Eintrag, sondern, wenn überhaupt, auf seinen eigenen Kanälen.

Nicht gemeint ist die Auswertung von Reichweite, Interaktionen und Followern der eigenen Social-Media-Kanäle. Das ist Kanal-Analytik, eine eigene Aufgabe, und kein Ansatz der Marktbeobachtung.

Welche Plattformen sich eignen, wo ihre Grenzen liegen und welche Regeln beim systematischen Auslesen gelten, beschreibt der Artikel Marktbeobachtung: Topic-First, Source-First, Platform-First auf der Themen-Website source-first-intelligence.com ausführlich.

Ausführlich: Source-First vs. Platform-First.

Und Competitive Intelligence?

Klassische Competitive Intelligence passt nicht sauber in dieses Raster, weil sie eine vierte Frage stellt: Was wird über ein Unternehmen gesagt? Berichte, Bewertungen, Analystenmeinungen – Fremdeinschätzung statt Originalaussage.

Das ist keine Variante der drei Filter-Logiken, sondern eine Ergänzung. Wer wissen will, wie ein Marktteilnehmer von außen wahrgenommen wird, kommt an CI nicht vorbei; keiner der drei Ansätze oben beantwortet das. Der Vergleich im Detail: Source-First vs. Competitive Intelligence.

Welcher Ansatz für euch

Statt Funktionslisten zu vergleichen, beantwortet zuerst diese drei Fragen:

  • Könnt ihr die Marktteilnehmer benennen, auf die es ankommt? Wenn ja, ist Source-First der stärkste Hebel – die Auswahl ist dann euer Wissensvorsprung, nicht euer Problem.
  • Kommt Relevantes regelmäßig von Absendern, die ihr nicht kennt? Dann braucht ihr Topic-First als Netz, mindestens ergänzend.
  • Hängt eure Frage an einem Ort, der sie schon ordnet, etwa wer in eurer Region einstellt, welche Aufträge die öffentliche Hand ausschreibt oder wer in eurem Technikfeld Patente anmeldet? Dann Platform-First. Die Plattform zeigt auch Absender, die ihr noch nicht kennt.

Für die Auswertung eurer eigenen Beiträge ist keiner der drei gebaut, dafür gibt es die Analysefunktionen der jeweiligen Plattform. Viele Teams brauchen zwei davon. Die Kombination funktioniert aber nur mit klarer Rollenteilung – sonst zahlt man zweimal für dasselbe und hat trotzdem beide Lücken.

Der teure Fehler ist nicht die Wahl

Die drei Ansätze konkurrieren weniger, als die Anbietertexte nahelegen. Sie schneiden verschiedene Ausschnitte aus derselben Wirklichkeit, und jeder Ausschnitt hat einen Rand. Der teure Fehler ist nicht, den falschen Ansatz zu wählen – es ist, den gewählten für vollständig zu halten.

Picasi steht bewusst auf der Source-First-Seite: Track who, not what. Was das kostet, steht oben in derselben Zeile wie das, was es bringt.

Häufig gestellte Fragen

Die Vergleiche im Einzelnen